Rübe, Arti und ich
21. Januar 2023

27: Lektionen in Demut

Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch. Und bin mir ziemlich sicher, dass es wieder nicht funktionieren wird. Und schon läuft dieses Pferd dorthin, wo es will. Da will ich aber nicht hin. Und dann trennen wir uns. Mal wieder.

Der Herdenchef ist beeindruckend und schlau und klug und mir weit überlegen, sehr weit. Ich bin so ungefähr zehn Jahre alt und bilde mir eigentlich ein, eine gute Reiterin zu sein. Und jedes Jahr in den Osterferien sagt Nono „no“ zu mir. Kannst Du nicht. Bist Du nicht, eine gute Reiterin. Geh üben.

Eigentlich will ich ihn auch gar nicht reiten. Aber der Reitlehrer will das, er findet nämlich, es wäre gut für mich, mit Nono reiten zu trainieren. Ich reite ja lieber Flori, mit ihm macht es echt Spaß und es funktioniert auch meistens.

Der Reitlehrer stellt manchmal eine große Box ans Fenster in der Nähe vom Reitplatz und dann legt er Marschmusik auf. Durch die Pferde geht dann ernsthaft eine Art Ruck und dann laufen sie voll im Takt, das ist sehr beeindruckend. Dann klappts mit Nono und mir auch besser. Bis Nono wieder findet, dass ich gerade scheiße reite und ich dann doch wieder im Dreck lande. Manchmal habe ich sogar ein bisschen Angst davor. Und jedes Jahr, wir fahren immer in den Osterferien hierher, schwöre ich mir: Ich reite Nono nicht. Auf gar keinen Fall.

Und dann mache ich es doch wieder. Weil es gut für mich sein soll. Sagt der Reitlehrer. Nono galoppiert also wieder einmal lustig mit mir durch die Bahn und hat seinen Autopilot eingeschaltet. Da es sich diesmal doch recht wild anfühlt, halte ich mich lieber am Angstriemchen fest und bekomme es absolut nicht hin, ihn zu lenken, geschweige denn zu bremsen.

Wenn der Reitlehrer seinen Nono auf der Wiese ruft, kommt er immer sofort angelaufen. Alle anderen Pferde folgen ihm natürlich. Sein Besitzer macht eigentlich nix, Nono macht dann immer das Richtige, in seine Box gehen zum Beispiel. Sie haben eine wirklich gute Beziehung, die beiden Chefs.

Und dieser Menschenchef scheint heute meinen ernst der Lage nun doch tatsächlich endlich auch einmal ernst zu nehmen. Er stellt sich vor den Pferdechef, auf dem ich mich gerade sehr verzweifelt noch irgendwie im Sattel halte und sagt seelenruhig: „Nono, steh!“ Und Nono steht. Und ich liege vor allen Zuschauer:innenaugen im Dreck. Na toll.

Nix passiert. Weitermachen. Klar.

Einige Jahre geht das so. Und dann ist ein Jahr, indem es anders ist. Der Reitlehrer hat mir nämlich gesagt, warum ich seinen Nono reiten soll: Weil er glaubt, dass ich ein besonderer Mensch sei. Und deshalb glaubt er, dass es für mich gut sei, dieses besondere Pferd zu reiten. Und niemals nie vergesse ich diesen Blick von diesem alten Mann und diese Hand auf meiner Hand, da auf dem Reitplatz. Ich sitze immer noch ziemlich verzweifelt auf Nono, dem tausend PS-Araber-Welsh-Mix. Den niemand sonst reiten will. Verständlicherweise. Und verstehe die Welt nicht mehr.

Ich finde mich auch besonders. Aber eher so besonders unsichtbar und besonders falsch und besonders unrichtig. Weil es in meinem Leben gerade ganz schön besonders schlecht läuft, persönlich meine ich. Und dann sagt dieser Mensch sowas. Und guckt mich so an. Wie unangenehm.

Am Ende einer Ferienwoche, wenn unsere Eltern uns abholen, machen wir immer gerne so eine kleine Vorführung. Diesmal holt unsere Mutter uns allein ab. Unser Vater ist ja ausgezogen.

Wir wollen Springreiten zeigen. Und eigentlich will ich einfach nur zeigen, dass ich nun Nono reiten kann. Er macht dieses Jahr ernsthaft gemeinsame Sache mit mir, dieser Zauberschimmel. Und weil es tatsächlich richtig gut läuft, zieht der Reitlehrer ihm das Kopfstück über die Ohren. Den Blick meiner Mutter in diesem Moment vergesse ich übrigens auch nicht. Und ich springe mit Nono den Parcours ohne Zügel, ohne Lenkung, ohne Bremse und mit ganz viel Vertrauen. Ob in die Worte meines Reitlehrers, in Nono oder in mich weiß ich selbst nicht so genau. Es fühlt sich an wie fliegen.

Runterfliegen, drüberfliegen – alles ganz schön nah beieinander. Danke, Herr H.

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