Detox
18. Dezember 2022

22: Detox á la Rübe

Mal angenommen, ich trinke eine Schale Gift. Weil jemand anders sagen wir subjektiv gefühlt doof zu mir war. Und um ihn zu bestrafen, trinke ich jetzt also dieses Zeug. Und wenn ich dann sterbe, weil mensch ab einer gewissen Dosis Gift einfach verendet, dann bin ich ja tot. Und der andere? Der lebt.

Nun, so ungefähr ist das ja auch mit dem Ärger: Wenn ich jemanden freundlich um etwas bitte, so per Mail mit höflicher Anrede, sinnvollen Satzzeichen, achte auch aus Respekt auf korrekte Rechtschreibung und Form, bedanke mich im Voraus und sende noch beste Grüße aus Bescheid mit. Und erhalte dann als Antwort, dass es ja nicht sein könnte, ich hätte ja bereits – ohne Anrede, Form und schon gar kein Gruß. Von einem Geschäftsmenschen. Nun ja. Früüüüüher* hätte ich jetzt voller Inbrunst meine Gerechtigkeit verteidigt. Ich wäre in den Krieg gezogen, mindestens schriftlich, vielleicht hätte ich ihn auch angerufen. Und ich hätte mich über dieses unhöfliche Verhalten geärgert. Und geflucht. Und wäre spontan gealtert, weil Ärger uns nun mal altern lässt. Und meine Kiefermuskulatur wäre angespannt gewesen. Was ja auch noch zu anderen physischen Verspannungen führen kann. Und dann hätte ich wieder mindestens Yoga und Meditation machen müssen oder auch noch einen Termin bei der Physiotherapie. Und der Groll wäre in mir und quasi durch mich durchgeflossen und überhaupt, gibt es ganz schön viel, über das ich mich aufregen kann, wenn ich mich erst Mal aufrege. Nützt nur nix. Jedenfalls nicht mir. Und jedes Mal fließt ein bisschen Gift durch meine Adern, meinen Körper, meine Seele, mein Herz und mein Hirn und macht mich grauer und älter und müder und toxischer. Wie unschön.

In der Sache hat der Mensch muss ich ehrlicher- und fairerweise sagen tatsächlich recht. Nur so ein bisschen netter hätte er das schon rüberbringen können. Beim E-Mail öffnen empfing mich schon so eine graue Wolke, so ein stinkiges, altes Wolldeckengefühl.

Gut, vielleicht hat er viel Stress und oder Probleme und vielleicht hat er auch schon lange keinen wirklich guten Sex mehr gehabt. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, er kennt mich ja gar nicht, wie ich dann bei ihm mit meinen schriftlichen Fragen rüberkomme; gut, dann hat er vielleicht das Gefühl, ich sei ein unorganisiertes Weibchen mit sauberen und gepflegten Fingernägeln und er müsse das wieder in Ordnung bringen, was ich mit meinem vermeintlich unterprivilegierten Mind nicht auf die Reihe bekomme. Und ich vergifte ihn damit. Oh je, das wollte ich nicht: Tut mir leid, Herr XXX.

Ah ne stop: Er vergiftet ja sich, weil er so denkt und fühlt und handelt. Ha.

Und ich mach das jetzt nicht mehr, mich vergiften meine ich. Hab ich von Rübe gelernt: Wenn der Rübi jemandem begegnet, der schlecht drauf ist, fragt er: Was ist denn mit Dir? Guck mal, der Himmel ist blau, die Leckerlies sind gut, alles ist gut. Findest Du nicht? Ah ok, dann geh ich halt jetzt woanders hin. Und frag Dich vielleicht später noch mal, falls wir uns wieder einmal begegnen.

Der hat weder physische noch mentale Probleme, der ist einfach gechillt, der Rübe. Und lässt die anderen machen, was sie wollen und wie sie wollen. Und isst lächelnd sein Heu. Manchmal pfeift er auch ein Liedchen, ich hab’s schon gehört.

„Sehr geehrter Herr XXX,

ich danke Ihnen für Ihre Rückmeldung.

Mit besten Grüßen

Christine Neuner“

Und dann pfeif ich ein bisschen. Und koche mir einen Tee oder einen Espresso und halte mein Gesicht in die Sonne. Denn ohne Gift lebt es sich einfach besser. Danke Rübe.

 

*früher = bevor ich das wirklich wirklich umsetzen konnte, also noch nicht so lange

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