Mist Rübe und ich
18. September 2022

09: Miss Mist

Es regnet in Strömen. Ich bemerke zu spät, dass das Brett noch nicht wieder auf dem Mistanhänger liegt, der gerade ausgeleert wurde. Im Schwung zu stoppen wäre fatal, also lasse ich die Schubkarre voller MistMatsche weiterlaufen und bleibe natürlich an der Stufe hängen. Es kippt sich quasi selbst aus. Scheiße. Im wahrsten Sinne des Wortes. Fluchen oder lachen? Erinnern. Wie viele Tonnen Mist ich wohl in meinem Leben schon bewegt habe? Der Winter 1998 war der Härtetest: 3km Rundlauf, 20Pferde. Jeden Tag. Sonn – und Feier- und Wochentags. Immer. Zum Misthaufen am Anfang oder in der Mitte fahren? Volle Karre, tiefe Matsche, kalte Hände, schwitziger Rücken, keine Lust und dann fällt die Karre um. Fluchen oder Lachen? Auf jeden Fall den Mist wieder einsammeln. Und zum Misthaufen bringen. Am Anfang oder in der Mitte des Rundlaufs. Schwere Entscheidung, jeden Tag. Immer wieder. Am letzten Tag meines Praktikums war ich fast ein wenig wehmütig. So sehr ich den Mist loswerden wollte oder vielmehr die Arbeit, die ich mit ihm hatte, so sehr war es auch irgendwie meine Zeit des Seins. Zwischen den Pferden, in der Natur und mit mir. Allein.

Während der Ausbildung zur Pferdewirtin hatten wir einen extra Mister im Betrieb. Er war tatsächlich nur zum Misten angestellt. Luxus pur. Wenn der aber mal nicht da war, mussten wir Azubinen gemeinsam mit dem Chef ran. 100Pferdeboxen plus. Da weiß frau, was sie getan hat. Übrigens brechen viele Pferdewirtsazubis ab. Wer nix wird, wird Pferdewirt. Oder so. Kann aber auch gut sein. Dann macht frau weiter. Und irgendwann gehört ihr der ganze Mist. Wenn sie den ganzen Mist auf dem Weg dahin ausgehalten hat.

Mein Ponymann Lucky und Peppy`s Sohn Rübe sind heute auch wirklich tolle Begleiter bei dieser beliebten Arbeit. Lucky scheuert sich gern mal das juckende Hinterbein an der vollen Schubkarre: Mist wieder einsammeln und besser vorher aufpassen. Dann ist es weniger Arbeit. Das pure Achtsamkeitstraining dieses Misten. Und auch sehr erdend. Rübe schwenkt übrigens derweil den Kratzer und trampelt darauf herum und produziert neue Betriebskosten. Die gehören dann jetzt auch mir.

Das ist überhaupt der Unterschied: In all den Jahren habe ich meist den Mist von anderen weggeräumt. Also anderen Pferden. Natürlich auch von Menschen. Und jetzt ist der gesamte Mist mein. Ich bin quasi Miss Mist. Ich habe neulich eine Werbeanzeige gesehen: Schön verpackt in Plastiktüten, die so aussehen wie Erdeplastikbeutel, kann man Pferdedung zu horrenden Preisen im Baumarkt kaufen. Und ein Betrieb schafft es, den Kund*innen das Misten zu verkaufen: Also im Rahmen von Lehrgängen wird dort dafür bezahlt, das man misten darf. Da ist echt noch Platz nach oben, so gut ist mein MistManagementMarketingSystem noch nicht ausgereift. Immerhin habe ich viele helfende Hände, was ja bekanntlich ein schnelles Ende bringt. Um morgen wieder von vorne anzufangen. Repeat. Lebenslänglich. Solange die Pferde leben. Und da wir sie auch täglich füttern und pflegen und liebhaben wird das hoffentlich auch noch sehr lange so sein. Bei mir gibt’s den Mist übrigens umsonst. Wird hier manchmal auch anhänger- oder karrenweise abholt. Manche kommen auch zu Fuß mit Eimern. Und berichten, wie gut bei ihnen alles wächst mit unserem Pferdemist.

Neulich ist mitten auf unserem Misthaufen eine Sonnenblume gewachsen, einfach so. Ohne angepflanzt zu werden. Gut sah sie aus. Und hat geblüht und geblüht und geblüht. Na, wenn das mal kein Zeichen ist. Ein gutes natürlich. Auf Scheiße wachsen. Oder wegen der Scheiße wachsen.

Davon gibt es ja genug. Wie wäre es denn, wenn aus all dem Scheiß, den wir so produzieren, etwas Schönes wachsen würde? Oder etwas Gutes? Oder Neues entstünde? Und wenn jede*r sich mal um seinenihren Scheiß kümmern würde? Was für eine Welt das sein könnte…

Ich gehe jetzt misten.

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