Wasserfall
30. Oktober 2022

15: Herzschmerz

Schmerz. Stechen in der Brust. Heute Morgen um 6. Ich versuche tief zu atmen – geht nicht. Als hätte mir jemand ein Messer ins Herz gerammt. Unangenehm ist gar kein Ausdruck. Es brennt. Und mein linkes Schulterblatt tut weh. Mein Arm auch. Scheiße.

Ich bin bemüht entspannt zu bleiben. Und irgendwie bin ich das tatsächlich. Ich nehme meinen frisch aufgebrühten grünen Tee mit etwas Sojamilch in meiner Mallorca – Erinnerungs – Tasse und gehe wieder ins Bett. Es geht nicht weg. Wird aber auch nicht schlimmer. Ich warte. Und trinke Tee. Wenn es was Ernstes wäre, würde ich das doch merken. Ich kenne ja Menschen, die rufen immer gleich einen RTW. Auf Blaulicht habe ich jetzt aber gar keine Lust. Und ich habe auch wirklich etwas anderes vor heute. Ich lege mich mal hin. Atmen geht immer noch nicht, das fühlt sich ganz ganz schlecht an. Ich warte weiter. Ich frage mal google. Man sollte google nicht fragen. Wenn es aber wirklich ein Herzinfarkt wäre, wäre ich mit meinen 44 Jahren weit außerhalb der Statistik. Ab 55 sind Herzinfarkte populär. Und die anderen Symptome habe ich ja bis jetzt auch noch nicht. Ok, nur zwei weitere. Die nicht so dramatischen. Atmen geht aber immer noch nicht. Das wäre jetzt aber auch blöd zu sterben. Jetzt, wo ich gerade am Anfang angekommen bin. Ich bin ja schon ziemlich oft am Anfang angekommen, aber diesmal ist es anders: Diesmal ist es der Anfang von dem, wofür ich die ganzen vergangenen Jahre die ganzen anderen Anfänge gemacht habe. Und ich bin gerade ziemlich sehr glücklich. Das wäre doch total bescheuert, jetzt einen Abgang zu machen.

Ok, man stirbt nicht gleich unbedingt, aber man weiß es ja auch nicht vorher was da noch so kommt bei einem Herzinfarkt. Ursachen für meine Symptome können auch Stress und Angst sein sagt google. Ich bin gerade alleine, seit Ewigkeiten mal wieder. Meine Männer sind on tour. Und ich arbeite zu viel. Und all die Espresso, die ich so trinke, fließen gefühlt noch mal durch mein Herz. Zum Glück rauche ich ja schon ewig nicht mehr, ich glaube, das spielt heute keine Rolle mehr. Lunge regeneriert, Herz auch? Ich fühle mich weder gestresst noch ängstlich. Eigentlich wollte ich in Ruhe meinen Tee trinken und dabei lesen. Ganz entspannt in den Tag starten. Und jetzt fliegt mir ungefragt alles durch den Kopf und in mein Herz, warum ich gerade heute nicht sterben möchte.

Letztes Jahr stand ich morgens um 7 zwischen Sonne und Mond auf der Straße vor meinem Circuswagen und wusste nicht, was ich heute am Telefon für ein Ergebnis meiner Hautärztin bekomme, nachdem sie mein Muttermal entfernt und es an ein Speziallabor geschickt hat. Ich hatte es schon eine Weile im Blick und es veränderte sich seltsam und schnell. Nicht gut, so viel medizinisches Fachwissen habe ich auch ohne google. Da ging es mir ähnlich wie jetzt gerade. Ja, ich bin da etwas dramatisch. Ich habe aber ja auch immer geglaubt, ich könnte mir niemals irgendeinen Knochen brechen. Und als es dann passiert ist konnte ich es nicht glauben, so viel dazu. Ja und dann habe ich auch schon so manche Menschen einfach sterben erlebt. Gerade noch gesund und munter kurz darauf: Zack tot. Das kann sehr sehr schnell gehen. Das steht fest. Und er ist so unfassbar mächtig, dieser endgültige Abschied. Und wir so ohnmächtig.

Leben ist immer lebensgefährlich und endet immer mit dem Tod. Aber bitte nicht heute.

Was mache ich denn jetzt? Mir fällt ein, dass ich vor längerer Zeit schon mal so einen Hypochonder – Herzinfarkt hatte. Und hebe meinen linken Arm hoch. Es knackt und alles springt wieder an seinen Platz zurück – was auch immer da schief war, es hat mein Herz gepikst. Und mir wieder einmal klar gemacht, wie schön leben ist. Und wie schnell es vorbei sein kann. In jedem Moment. Bin ich dankbar. Hier und jetzt.

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