MTB
4. September 2022

07: Dieter

„Wie geht es Euch, wie war Euer Tag?“ Dreimal ist die Antwort: “Gut.“ Damit ist alles gesagt. Wir sitzen zu viert am Abendbrottisch und ich interessiere mich tatsächlich. Sie auch. Brauchen halt nur weniger Worte meine Männer. Wir lachen. Am Anfang unseres Zusammenlebens meinten sie das tatsächlich ernst. Nee, das reicht mir nicht. Ich will es wirklich wissen. Mich interessiert, was Du gemacht hast, was Deine Gedanken bewegt, wie Du Dich fühlst. So haben sie mir beigebracht meine Fragen zu präzisieren. On point zu sein. Und hartnäckig. Damit ich eine „ich sehe Dich“ – Antwort auf meine „ich interessiere mich für Dich“ – Fragen erhalte. Diese Sache mit dem Zusammenleben will ja auch geübt sein. Und eine gemeinsame Gesprächskultur ist Arbeit, yes, I know.

Wenn ich heute in den sozialen Netzwerken unterwegs bin, also ich meine dieses Daumen hoch und runter, ein –, zwei –, drei-, vier-, fünf – Sterne – Bewertungssystem, Kommis, sich gegenseitig feiern und sich gegenseitig aus der sicheren Distanz dissen oder noch besser aburteilen und hinrichten und jede*r weiß es am besten und empfiehlt sich und sein Produkt und dann bekomme ich ständig Vorschläge wie ich noch besser schöner erfolgreicher optimierter schlauer schlanker reicher werden kann, frage ich mich, warum Schule mir jemals Angst gemacht hat. Ich wollte nie Abi machen. Weil ich total Schiss vor der Prüfung hatte. Dummerweise wusste ich nach der zehnten Klasse noch nicht so genau was ich denn jetzt eigentlich machen will und soll. So also war die Option Schule eine gute Idee, da werde ich ja nicht dümmer und finde vielleicht auch noch heraus, was mal aus mir werden kann. Wenn ich es denn schaffe, das Abi, dann kann ich ja Journalismus studieren damit ich eine gute Schreiberin werde und mich den Menschen sinnvoll und kompetent mitteilen kann und auch über die Welt im Allgemeinen und im Besonderen berichten kann vielleicht auch später mal in Reportagen. Wie Du liest, konnte mir auch meine sehr um mich bemühte Lieblingsdeutschlehrerin mit ihrem Rotstift die Schachtelsätze nicht abgewöhnen. Sie sind einfach in meinem Kopf und schachteln sich so in- und aneinander. Kommt wahrscheinlich aus meinem tiefsten Inneren. Ja, dann habe ich also doch Abi gemacht und habe es offensichtlich überlebt. Und es war sogar eine sehr geile Erfahrung. Es hat nämlich Spaß gemacht. Außer Mathe. Aber das ist ein anderer Blog.

So lange habe ich mich davor gesträubt, mich auf Google bewerten zu lassen. Meine innere Kritikerin und meine innere Gerichtsvollzieherin sind gnadenlos. Den beiden beizubringen, dass ich liebenswert bin, egal ob ich funktioniere oder nicht, egal, ob es anderen gefällt oder nicht, was ich mache, egal, ob ich Höhenflüge meistere oder gerade durch den Dreck robbe, hat mich sehr viel Ausbildungszeit gekostet. Zwei sehr hartnäckige Meisterinnen ihres Faches, diese beiden Rechthaberinnen in meinem System. Sie haben beide auch ein paar Mal die Ausbildungsklassen wiederholen müssen, bis sie eingesehen haben, dass es auch noch andere Werte gibt. Übrigens gibt es neuerdings – zumindest habe ich es erst jetzt entdeckt – ein Angebot, bei dem ich schlechte Google – Bewertungen löschen lassen kann. Damit ich wieder schlafen kann schreiben sie mir. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln. Welt, was geht hier ab?  Nun habe ich mich also getraut. Das mit dem Löschen habe ich erst gesendet bekommen, nachdem ich auf Google sichtbar war. Ich war also tatsächlich mutig. Ich hatte mir meinen eigenen Vortrag „Mut tut gut“ noch mal angehört und dachte mir, es sei an der Zeit, mal wieder authentisch zu sein.

Und dann bekomme ich achtzehn 5 – Sterne – Bewertungen. Und bin geflasht. Und dankbar. Und glücklich. Und frage mich, was es wohl mit mir macht, wenn der oder die erste mich auch öffentlich scheiße findet. Die gibt es, diese Menschen. Und es sind nicht unbedingt wenige. Sie mögen es nicht, dass ich bin, wie ich bin und dass ich arbeite, wie ich arbeite. Das ist nämlich eine Bedrohung für sie. Also eigentlich sind sie eine Bedrohung für sich selbst in ihrem Kopf, aber ich stelle dann eine wunderbare Projektionsfläche dar. Das ist auch ohne soziale Netzwerke so. Ich bin quasi schon als eine Art Projektionsfläche auf die Welt gekommen. Bisher haben sie mir im Verborgenen ans Bein gepinkelt. Ich habe dann vor einiger Zeit beschlossen, dass wenn einer ein Problem mit mir hat, er es gerne behalten darf. Ist ja sein Problem. Ihrs auch. Persönlich nehme ich es tatsächlich auch nicht, dafür bin ich mittlerweile zu sehr in love mit mir. Ich bin dann nur immer so erschreckt, wie abgrundtief hässlich Menschen in ihrem Inneren sein können. Wegen der Hoffnung und so. Aber das gefürchtete Abi hab ich ja auch überlebt. Und es hat Spaß gemacht. So liebe ich also meine Feinde ab sofort auch in den sozialen Netzwerken und sehe es wie den Dieter – Bohlen – Effekt: Egal ob geliebt oder gehasst – Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit. Und der folgt ja die Energie. Und die geht nie verloren. Sie verändert nur ihre Form. Die Energie. Gut. Nehm ich. Danke für Deine. Aufmerksamkeit.

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