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24. August 2022

06: Hoffnung

„Was willst Du uns eigentlich beweisen?“ Wir sind mit unseren Fahrrädern auf dem Weg zur Schule, meine beste Freundin und ich. Das ist eine gute Frage. Eigentlich möchte ich nichts beweisen. Eigentlich fühlt es sich eher nach dem Wunsch zu überleben an. Ich fühle mich, als wäre ich auf der Suche nach dem Strohhalm, an den ich mich klammern kann, damit das Leben, mein Leben einen Sinn macht. Scheint 1997 nach außen irgendwie anders zu wirken.

2022 Ich sitze am Pool, während ich für meinen Blog schreibe. Ich bin unendlich dankbar für die Menschen in meinem Team und unsere Unterstützer*innen, die es mir ermöglichen, mit gutem Gefühl hier zu sein, 14 Tage Urlaub zu genießen, Zeit für mich zu haben. Ich danke von ganzem Herzen allen engagierten Menschen, die sich zuhause um alle und alles kümmern, dass das Centrum läuft und die dafür sorgen, dass es allen gut geht. Dieser Dank erfüllt mich so sehr: Denn es gibt sie, die Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Auf dem Hinflug liefen mir beim Lesen meines ersten Urlaubsbuches einfach so die Tränen runter. Natürlich, weil mich die Worte der Autorin und ihre Botschaft berührt haben. Aber nicht nur das:  Meine Seele war plötzlich und ohne vorherige Ankündigung erfüllt von unglaublich tiefem Glück. Ich habe es geschafft. Ohne auf dem Ponyhof groß geworden zu sein und ohne den goldenen Löffel im Mund habe ich es nicht nur geschafft gemeinsam mit meinen Wegbegleiter*innen das Centrum aufzubauen. Gegen allen Wind und alle Stolpersteine und alle Feinde, die ich liebe – alleine sie sind so viele Blögge wert. Nein, das Centrum ist quasi mein äußeres Sichtbarkeitsmerkmal. Ja, es gibt noch einiges zu tun. Ich sehe noch viiiiel Platz nach oben. Das machen wir mit der Zeit und einen Schritt nach dem anderen. Da bin ich ganz zuversichtlich. Wir brauchen ja auch noch Zeit zum Genießen. Und um weiter zu wachsen. Was mir zack schlagartig durch die Adern rauscht, ganz tief unten in meinem Becken vibriert und dann durch mein Herz mitten in mein Hirn strömt: Ich habe mich aufgebaut. Mit meinem Dämon tief in meinem Herzen. Und trotz oder vielleicht gerade wegen ihm, meinem kleinen persönlichen Luzifer. Krasses Gefühl im Flieger. Ein wirklich sehr krasses Gefühl. Dieses Glück.

Seit ein paar Tagen klingen also diese Worte meiner früheren besten Freundin in meinem Kopf. Sie wirbeln herum, sind mal eher links, mal eher rechts in meinem Hirn unterwegs, drehen sich im Kreis. Manchmal sitzen sie still in der Ecke und dann wieder werden sie lauter. Und größer. Ich wollte tatsächlich nie etwas beweisen. Jedenfalls nicht bewusst. Jetzt und hier steigt allerdings das Gefühl in mir auf, dass ich mir wohl wenn dann selbst etwas beweisen wollte – und wahrscheinlich auch immer noch will: Dass es sich lohnt zu leben. 1997 habe ich beschlossen, wenn ich weiterlebe, dann so richtig. Nicht unbedingt gleich in Saus und Braus, eher so finden, was mein Sinn ist und so, aber den muss es dann auch geben, sonst ergibt es ja keinen Sinn. Aus meiner Selbstrettungs- und Lebenssinngebungsaktion ist dann im Laufe der Jahre das Centrum geworden.  Als mein Lebensentwurf, dass nur ich verrückt bin, sich nicht bewahrheitete und ich in den Jahren meiner Arbeit immer mehr Menschen begegnete und bis heute begegne, die irgendwie auf der Suche sind: Auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach neuen Wegen und Möglichkeiten, auf der Suche nach mehr Lebensqualität, nach Selbstwirksamkeit und Verbundenheit, nach Verstehen und verstanden werden, auf der Suche nach Erlösung für ihre Schatten und ihre kleinen und großen Dämonen, auf der Suche nach dem ganz persönlichen Glück. Ich entdeckte plötzlich eine Qualität in mir, die mich selbst erst Mal ganz schön irritiert hat und es bisweilen auch immer noch tut: Ich, die gefühlte lebende Katastrophe, habe das Talent, Menschen zu inspirieren. Verdammt – ist das jetzt Segen oder Fluch?

Mein größtes Handicap und meine größte Gabe ist meine Sensitivität. Ich fühle Gedanken, sehe Gefühle und nehme die Energie von Zukunft und Vergangenheit wahr, während ich jetzt mit einem Menschen oder einem Tier Zeit verbringe. Oder von einem Ort, der hat auch Energie. Also jeder Ort und jeder Mensch und überhaupt jedes Lebewesen hat Energie. Und ein Feld drumherum. Die nehme ich wahr. Zu Beginn des neuen Jahrtausends mit Anfang zwanzig nahm ich voller Neugierde an einem Tierkommunikationsseminar teil. Ein tolles Seminar, eine wundervolle Dozentin, offene Teilnehmer*innen auf einem sehr liebevollen privaten Reiterhof. Und dann stellte ich fest, dass das, was ich hier lerne das ist, was für mich alltäglich und selbstverständlich ist: Tiere sprechen hören, sie fühlen, sie wahrnehmen. Und ihnen antworten. Ich hatte nur bisher scheinbar übersehen, dass das eben nicht alltäglich und selbstverständlich ist. Ich hatte irgendwie etwas gaaaaanz Großes von diesem Seminar erwartet. Das war mir zu einfach. Und zu schwer zugleich. Denn als Kind und Jugendliche dachte ich immer alle erleben das Zeug, was ich wahrnehme genauso – sie reden nur mit mir nicht darüber. Daher dachte ich dann als für mich logische Schlussfolgerung auch immer, ich sei falsch. Ganz schön kindisch, ganz schön naiv, ganz schön selbstverletzend. Ganz schöner Horror, mein liebes inneres Kind.

Heute erklärt es mir, warum Menschen so unglaublich ignorant sein können: Sie hören und sehen einfach nicht hin. Wenn Bäume reden, wenn Tiere erzählen, wenn die Erde mit uns spricht. Aber wie auch, wenn sie sich gegenseitig schon so schwer zuhören können? Geschweige denn sich selbst.

Was für ein Dilemma mein Dilemma! Alle Lebewesen lernen in ihrer Zeit. Dürfen immer selbst bestimmen, ob sie in ihrer Energie bleiben oder die Komfortzone verlassen und lernen und sich entwickeln wollen, ob sie Energien transformieren, ob sie wirklich wachsen wollen. Das erinnert mich daran, dass ich meiner jüngeren Schwester früher zuhause den Komposteimer in ihr Zimmer gestellt habe. Ich hatte nämlich keine Lust mehr auf den kollektiven Ärger unserer Mutter und ihre darauffolgende schlechte Laune, wenn meine Lieblingsschwester es mal wieder vergessen oder schlichtweg nicht gemacht hatte, ihn auszuleeren, unseren Komposteimer. Und es übernehmen und einfach selbst machen war echt keine Option – zum einen gab es eine klare Aufgabenverteilung und zum anderen war das hier ihr Tanzbereich. Was lernt sie denn, wenn ich das mache? Ich frage mich nur, wem ich heute welchen Kompost wohin stellen könnte, damit wir wach werden. Die Muddi Erde ist nicht nur kollektiv verärgert und schlecht gelaunt, sie zeigt deutliche Anzeichen von Burnout. Ich mache mir tatsächlich ernsthaft Sorgen um sie. Und um uns. 

2004 fragte mich eine Kundin, nachdem wir uns eine Weile nicht gesehen hatten, ob ich noch immer eine Menschenfreundin sei. Ja, das bin ich bis heute. Denn was wäre ich ohne meine Hoffnung? Dann würde ja wieder alles keinen Sinn ergeben.

 

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